Eine Person schwebt mit ausgestrecktem Arm knapp unter der Wasseroberfläche eines klaren Freibads. Die Aufnahme zeigt gleichzeitig die Unterwasserwelt und den Himmel darüber.

Sommergeschichte aus dem Freibad

Ich weiß jetzt auch nicht, ob ich die Geschichte noch anders schreiben soll. Sommer. Jojos vollgestopfter Rucksack mit Badehandtuch, Wasserflasche, Schnorchel, Tupperdose und Zollstock – muss ich da nicht noch irgendetwas draus machen? Wie sie, also Enkel und Oma zusammen Apfelschnitze essen, tauchen und Quatsch machen, Irgendwas eben? So ein Rucksack in einer Geschichte kommt mir vor wie eine Verheißung. Wie ein Requisit auf der Bühne, das benutzt werden will. Wie ein Verlangen, das gestillt werden möchte. Andererseits vielleicht auch nicht. Ob es vollkommen ausreicht, dass der Zollstock darin steckt? Dass er seinen großen Auftritt hat und der Rest einfach Freibad bleibt? Es ist einfach zu heiß.Ich brauch ne kalte Wanne. Alles ist viel zu berechnend. Mein Hirn streikt. Ganz einfache Rechnung: Es bleibt, wie es ist:

Kalte Wanne

Da draußen hat es seit Wochen schon über dreißig Grad. Viele von uns sitzen am Wasser. Und wir, die anderen, die in ihren Büros dahinschmelzen, sofern sie nicht klimatisiert sind, träumen wenigstens davon. Wir fächeln uns Luft zu mit knallbunten Fächern. Die Abende schmecken nach Aperol Spritz und alkoholfreien eiskalten Halbliterweizen. Sommersuppe hat Konjunktur. Diese leichte, helle mit Joghurt, Ei und Tomaten, Zitronensaft und kräftiger Hühnerbrühe, ein bisschen abgekühlt. Kühl genug, um zu erfrischen und warm genug, um nach Zuhause zu schmecken und satt zu machen. Irgendetwas muss der Mensch ja essen – außer Melone.

Wir träumen davon, barfuß über heißen Sand und kochende Steine zu tänzeln, flink halbnackt ins Wasser zu hopsen und uns vom Salzigen, vom Gechlorten, vom Fluss oder vom Süßwassersee vollständig aufnehmen zu lassen. Und wie wir empfangen werden: Wieder schweben. Eins sein. Rauschen in den Ohren. Möwenkreischen. Kinderlachen. Wenn man Glück hat. Oder Pech.

Vor ein paar Tagen erzählte mir Patricia, sie sei wirklich viel zu weit rausgeschwommen. „Wo? Warum? Wie weit denn?“, fragte ich.

„234,36 Kilometer.“

Ich verstand zunächst überhaupt nichts.

Seit zwölf Jahren schwimmt sie jeden Abend in ihrem kleinen Albschwimmbad. Von Anfang Juni bis Mitte September. Neunzig Tage im Jahr. Bei Sonne und Regen, Wind und Wetter schwimmt sie. Immer die gleiche Strecke: Fünfunddreißig Bahnen.

Sie ist das irgendwann abgeschritten. Beckenlänge bis zum Seil: Sechzehn Meter. Das mal fünfunddreißig macht 560 Meter am Abend. 50,4 Kilometer pro Sommer. Hochgerechnet auf zwölf Jahre: 604,8 Kilometer.

„Zwölf Jahreskarten, macht insgesamt 420 Euro Eintritt“, sagte sie. „Da kostet mich der Badetag 39 Cent. Der geschwommene Kilometer gerade mal 69 Cent. Ganz klare Rechnung, oder?“

Neulich war ihr neunjähriger Enkel Jojo zu Besuch. Jojo gehört zu den Kindern, die alles wissen wollen. Die die Welt auf ihre Weise vermessen. Warum Vögel nicht vom Himmel fallen. Wie sie fliegen. Wie sich die Federn im Flügel drehen. Warum Pommes im Freibad wirklich besser schmecken. Natürlich musste er ins Freibad. Patricia sang, wie immer: „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nix wie ab zum Wannsee!“ Jojo sang mit. Also packten sie die Badehose ein, in Ermangelung eines Schwesterleins und des Wannsees sangen sie das Lied einfach noch einmal.

Während Patricia ihre Bahnen zog, schoss Jojo immer wieder an ihr vorbei. „Oma!“, rief er jedes Mal vom Beckenrand. „Kommst du?“ Weil Jojo ein freundliches Kind ist, wartete er jedes Mal auf sie. Immer. Nach der fünfunddreißigsten Bahn schob sich Patricia elastisch aus dem Wasser. „560 Meter. Reicht für heute“, schnaubte Patricia zufrieden.

 „Ich fühl mich danach immer stramm und fest!“, sagt sie mir übrigens immer wieder.

Warum der Junge einen Zollstock im Rucksack hatte, weiß ich bis heute nicht. Zwischen Badehandtuch, Wasserflasche, Schnorchel und Tupperdose steckte jedenfalls einer.

„Und dann begann er zu messen“ , erzählte mir Patricia. Ganz gewissenhaft. Zentimeter für Zentimeter. Bis zum Seil.

Das Becken war gar keine 16 Meter lang.

Es war 22,2 Meter.

Jede Bahn also 6,2 Meter länger als gedacht.

217 Meter mehr an jedem einzelnen Badetag.

19,53 Kilometer obendrauf in jedem Sommer.

Und nach zwölf Jahren waren daraus 234,36 Kilometer mehr geworden.

Aus 604 wurden auf einmal 839 Kilometer!

Für denselben Eintritt.

Auf einmal kostet der Kilometer nur noch 50 Cent. Und alle sagen, alles wird immer teurer.

Seitdem rechnet sie weiter. Wenn sie noch zwei Sommer schwimmt, kommt sie genau auf tausend Kilometer.

Genau genommen schwimmt sie ab heute jeden Abend nur noch 32,78 Bahnen. Die restlichen 4,88 Meter taucht sie dann einfach und schiebt sich mit Schwung unter dem Seil hindurch.

Nicht aus sportlichen Gründen. Nur, weil es wichtig ist, eine krumme Zahl zu einem geraden Ende zu bringen.

Apropos zu Ende bringen: Ich lass mir jetzt mal eine kalte Wanne ein. Mir ist hier grad zu viel Mathe und zu wenig Sommerfrische im Schreibstübchen.

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