Kategorie: Von unterwegs

Reisegeschichten und Camperleben und -arbeiten

  • Räume für Frauen

    Räume für Frauen

    Schreiben in Bali | Wie ein Frauenprozess entsteht | Silke Saracoglu |

    Ich sitze hier in Bali, genau genommen am Rand von Ubud, mitten in den Reisfeldern. Überall Grün. Ich kann mich an diesem Satten nicht sattsehen. Es regnet viel und es ist, sagen wir mal, frisch. Vor mir steht ein wohliger Tee: Ginger, Lemongrass, Lime und echter, roher Honig. Schmeckt herrlich und soll in der Regenzeit gegen Flu schützen. Na, da bleibe ich lieber verschont.


    Ich bin weit weg. So vieles geht an mir vorbei. Überall in der Welt kracht es, rüttelt es. Und ich sitze hier? Ja. Ich weiß. Hier ist auch nicht alles Postkarte. Auch hier gibt es Missbrauch. Unvorstellbar viel Müll. Ich will meine Augen nicht zumachen vor dem, was schiefläuft. Auch nicht hier im Grün. Ich kann nicht alles gleichzeitig retten – würd ich gerne. Ich weiß das: Dauerempörung ist keine Haltung. Selbsthygiene ist kein Egoismus. Sie ist Voraussetzung.

    Ich kam hierher, um mein Buch fertig zu machen. Und diese Woche habe ich es abgeschickt.
    An fünf Verlage. Mein Herz hat ganz ruhig geschlagen und ich war still entspannt, als ich auf Senden gedrückt habe. Aber hinterher musste ich mich ehrlich gesagt erstmal wie ein Hündchen schütteln. Ja, das war doch ganz schön aufregend. Nicht so „Jetzt beginnt ein neues Leben“-aufregend, sondern eher: Und was kommt jetzt? Heute ist mir viel stiller zumute. Da ist mehr Ruhe. Und Gewissheit. Ich weiß ja: Wenn etwas fertig ist, braucht man nichts mehr festhalten. Man darf’s einfach gehen lassen. Es sich selbst überlassen.
    Ich kenne das gut von der Bühne. Wenn ein Stück Generalprobe hatte, gehört es sich selbst.

    Jetzt ist hier wieder Raum. Viel davon, wenn’s gut läuft. Raum und ich, mittendrin in diesem – ja, genau: Grün.

    Ich habe das fertige Manuskript mit meinen Freundinnen über Zoom gefeiert. Das sind große Frauen, weise Frauen. Meine Frauen. Meine Hood. Wir passen aufeinander auf, halten uns, pushen uns, und manchmal lassen wir uns auch. Jede darf sein, wie sie ist. Muss sich nicht inszenieren. Keine muss klüger oder weiter sein oder sich beweisen.

    Gerade dachte ich:

    So ein Raum ist selten.


    Warum glauben wir immer, dass wir erst noch klüger oder weiter sein müssen, etwas leisten müssten, oder schnell noch erledigen sollten, oder noch das Eine abhaken müssen bevor –
    Ja was eigentlich? … Bevor wir da sein dürfen. Wir, ganz normal, mit unseren Macken und Zweifeln. Mich interessiert im Moment am meisten genau das: Räume, in denen nichts erreicht werden muss. Räume, in denen man nicht analysiert oder optimiert wird.
    Sondern solche, in denen man sich einfach mal gehalten fühlen darf. Punkt. Nichts an diesen Räumen fühlt sich anstrengend an. Und alles, das, was sich nicht anstrengend anfühlt, hat gerade meine volle Aufmerksamkeit. Hier in Bali macht sich mein Herz weiter (während ich das schreibe, komm ich mir grad vor wie diese Eat-pray-love-Julia-Roberts). Es ist nicht viel anders als sonst, es fühlt sich klarer an. Wie eine große Verschiebung mehr zu mir hin. Weniger Rolle. Weniger „ich muss, ich soll, ich darf aber…“ Einfach mehr Selbstverständnis. Mehr Dasein. Und noch mehr Grün.

    Ich genieße das gerade. Und ich weiß, was ich mache:

    Ich werde so einen Prozess öffnen.

    Über fünf Monate hinweg wird eine kleine, feste Gruppe von sechs bis acht Frauen miteinander arbeiten. Miteinander sein. Es geht dabei nicht um Selbstoptimierung, nicht um Wellness und auch nicht um ein unverbindliches „Wir schauen mal“, sondern um einen ernst gemeinten, klar gehaltenen Rahmen. Einen Rahmen, in dem man wachsen darf, ohne sich zu verbiegen. In dem man echter werden kann. In dem du da sein darfst. Wenn du spürst, dass du genau das brauchst, also keinen weiteren Kurs oder therapeutischen Methodenkoffer und keine Coaching-Tools, sondern einen verlässlichen Raum mit Frauen, die es wirklich ernst meinen, dann frag dich, ob du Ja sagen willst zu diesem verbindlichen Frauenprozess. Wenn du dir genau soetwas schon lange gewünscht hast, schreib mir oder trag dich in den Newsletter ein.

    Ich melde mich, sobald es konkret wird. Beginnt es genau hier?

  • 11 666 Schritte – Istanbul. Jetzt.

    11 666 Schritte – Istanbul. Jetzt.

    Eine Reiseerfahrung in Instanbul

    Ich wollte Istanbul nur erleben. Aber die Stadt hat mich genommen, durchgeschüttelt und wieder ausgespuckt. Was bleibt, sind die Schritte, ein bisschen Rückenschmerzen vom Perlenschleppen und ein Text, den ich gleich noch auf dem Rückweg nach Sarıyer geschrieben hab und der hoffentlich genau das festhält:
    Überforderung nämlich, Schönheit, Warten, Selbstführung und alles dazwischen. Alles, was du sonst noch über Istanbul wissen solltest, findest du hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Istanbul

    11 666 Schritte – Istanbul. Jetzt.

    11. November 2025 · 20:20 Uhr Istanbul.

    11 666 Schritte.
    Jetzt sitzen wir im Boot nach Sarıyer.

    Großer Bazar. Blaue Moschee. Mittagessen bei Özkan Köfteci. Hagia Sofia. Schritte und Schritte.
    Wir schleppen viel mit uns.

    Alişveriş.
    Großeinkauf beim Perlen-Großhändler. Nazar Bonçuk – diese blauen Augen aus Glas – und Armbändchen aus Stein.
    Handel ist manchmal schwer. Glas und Stein – sie wiegen mehr, als man glaubt.
    Wir kauften mindestens tausend und eine.

    Der Bosporus treibt sich um.
    Zieht sich durch die Stadt und durch die Gedanken der 16 Millionen Menschen.

    „Wir arbeiten für 16 Millionen täglich“ – so stand es auf der Jacke des Schiffsmatrosen.

    Istanbul.
    Stadt auf zwei Kontinenten.
    Du bist ein Glitzermeer, ein Ungetüm, ein Orakel und eine Frage, die nicht beantwortet werden kann.
    Du bist laut und ungezähmt.
    Dunkel.
    Und gleißend.
    Wer weiß dich zu nehmen?
    Wer kennt dich?

    Heute ist Atatürks Todestag. Der wievielte eigentlich?
    Die Menschen hatten heute frei – die Stadt nicht.
    Touristen strömen herein und heraus. Wie Atem.
    Frischer Wind, dem man bald überdrüssig wird.

    Wir hören viel: Maschinen. Motoren. Schiffe. Verkehr. Leben eben.
    Hunderttausend Worte, Fetzen aus tausend Sprachen.

    Wir sehen in unzählige Gesichter: voller Hoffnung, voller Wünsche.
    Und in Gesichter, die nicht sie selbst sind – Botox unter der Haut, und darunter, viel tiefer: Träume.
    Gesichter hinter Schleiern, strengen Mienen, Bärten, die überraschend lustig ausschauen.
    Jung und Alt vermengt sich.

    Heute folge ich meinem Mann. Er stoppt, filmt, macht Musik, erledigt Business – überall zugleich.

    Ich warte. Schaue. Beobachte das Treiben und mich selbst – zwischen Überforderung, Überdruss und Neugier.

    Vor ein paar Stunden waren wir dort – im Bazar.
    Der gesamte Handel der Türkei hat hier seine Heimat.
    Alles schiebt sich, dicht gedrängt, verwebt sich zu einer pulsierenden Masse.

    Ich erinnere mich kaum.
    Von Eindrücken überrollt, schlossen sich alle Kammern in mir.
    Selbst Staunen war schwierig.
    Die Welt, verdichtet an einem Ort.

    Frauen in riesigen schwarzen Kleidern – nur Augen.
    Männer in Karo-Hemden – Karos, wohin das Auge blickt.
    Ungewöhnlich viele junge Menschen in schwarz. Nicht zu übersehen.

    Unglaublich viele Kinder.
    Parfüm, schwer in der Luft.
    Katzen, die ihre Gerüche in Ecken verewigt haben.
    Für den Geruchssinn eine Prüfung.

    Ja – Menschen im Pulk riechen.

    Und diese Gewürze – sie wehen noch immer durch mein Gehirn.
    Und die Farben.
    Seit Stunden kombiniere ich alles, koche ich innerlich ein Mahl nach dem nächsten, kreiere Menüs – und bin wunderbar satt.

    Gut – ja. Auch wegen der Rolle Pistazien-Lokum, die ich in einem Satz verputzt habe. Köstlich.

    Dann dieses Glitzern: Schmuck, wohin das Auge reicht.
    Echt und künstlich.
    Unzählige silberne Glieder, ineinander geschmiegt, eine einzige Fläche.
    Goldringe in Auslagen – Versprechen für immer.

    Enge Straßen.
    Verwinkelte Gassen.
    Prächtige Alleen mit alten, prunkvollen Gebäuden.

    Ein Fließen. Ein Schwingen. Ein Strömen. Ein Drängen.
    Alles ist in ständiger Bewegung.

    Überall Läden. Stände. Angebote.
    Auslagen, sortiert nach kleinen Welten.

    Abendmode, Brautkleider.
    Kunstblumen.
    Decken.
    Coole Messer.
    Kindershirts mit Barbie, Elsa und Co.
    Plastik aus China.
    Plüsch aus sonstwo.
    Anti-Käfer-Chemie.
    Socken – von Hand gestrickt.

    Muezzine rufen ihre Gebete von den nahen Moscheen.
    Kinderkreischen.
    Hohe Frauenstimmen.
    Händler, die laut Granatapfelsaft ausrufen.

    Aus der Mitte erklingen die Rhythmen der Karrenräder, die Lasten von einem Ort zum anderen bringen.

    Überhaupt frage ich mich:
    Wie bitte versorgt, ernährt und kleidet man eine Stadt mit über 16 Millionen Menschen?
    Fliegenklatschen, Kurufasülye, Simit, Sebze-Mebze und türkischem Kaffee: sade, orta, şekerli?
    Und der Müll?

    Ich habe Fragen.

    Schon hält unser Boot an der nächsten Station – Emirgan.

    Über dem Schiff Möwen, selbst nachts kreisen sie über der Stadt.
    Auf dem Wasser glitzert gelbes Licht.
    Dort hinten wirft eine Ampel ihr grünes Leuchten hinab.

    Wie tausend Perlenketten ziehen sich die Lichter auf beiden Seiten des Bosporus
    und spannen sich dreimal hinüber – drei Brücken.

    Wie schaffen es all diese Schiffe und Boote darunter, sich auszuweichen?

    Das letzte Schiff – unseres – wird um 21:45 Uhr in Sarıyer ankommen.
    Der Mann hinterm Tresen zählt sein Geld. Seit acht Uhr früh ist er unterwegs.

    Zeit, heimzugehen.

    Der Tag lief gut: Tee, Kaffee, Kekschen, Portakal-Suyu.
    Feiertag. Und er hat gearbeitet.

    20 Lira ein Gläschen Tee – 40 Cent.
    Heiß. Dunkel. Erfrischend.

    Hier trinkt ihn jeder – Tag und Nacht.

    11 666 Schritte.
    Über Asphalt und Schotter, über Teppiche, über uralte Steine.

    Menschen aus aller Welt – mit uns geht die bunte Welt.

    Mein Herz klopft.
    Vor Freude.
    Vor Staunen.
    Vor Sehnen.
    So viel Lebendigkeit.

    Und ich weiß auch:
    Das Leben hier ist schwer.
    Es wird schwerer.

    Alles ist fast unbezahlbar.
    Die Menschen in dieser Stadt fragen sich:
    Wie soll das nur weitergehen?

    Doch glaube ich auch:
    Diese Stadt hat so viel gesehen, gerochen, gefühlt, geschmeckt
    wie keine andere auf diesem Planeten.

    Ach, Bosporus – wenn du eins kannst, ist es Hoffnung schenken.
    Hoffnung, dass alles im Fluss ist.

    Los, mach schon.

    Und morgen gehe ich mit dir –
    11 666 Schritte.

    Hier noch ein paar Fragen für hinterher: 

    • Was in deinem Leben ist gerade „zu viel“? Was davon ist wirklich deins?

    • Wo rennst du hinterher, obwohl du stehen bleiben müsstest?

    • In welchen Momenten verwechselst du Warten mit Stillstand?

    • Welche Überforderung zeigt dir in Wahrheit, dass etwas gesehen werden will?

    • Was würdest du mitnehmen, wenn du heute 11 666 Schritte gehen würdest? Und was würdest du zurücklassen?

    • Wer bist du mitten im Lärm? Und wer willst du dort sein?

    • Welche Entscheidung wartet schon länger darauf, dass du sie triffst?

    • Was sagt dein Herzschlag dir, wenn du endlich hinhörst?


    Wenn du Lust hast, tiefer einzutauchen:
    Ich schreibe weiter über Wandel, Wahrnehmung und den Mut, stehenzubleiben.
    Mehr davon findest du hier im Blog.

  • Berg Nemrut

    Berg Nemrut

    Ganz oben: Vom Größenwahn, der Demut und dem Glück, trotzdem lebendig zu bleiben

    Manchmal weiß ich erst hinterher, ob etwas mutig war oder einfach nur dumm.

    Vor ein paar Tagen, während unserer Reise durch Südostanatolien, wollten wir auf den Berg Nemrut hinaufsteigen. Bilderbuchwetter, 26 Grad, kein Wölkchen am Himmel und allerbeste Laune im Camper. Der Mann, mein Mann, Süel wollte Musik machen, ich hingegen schöne inspirierende Eindrücke und kontemplative Momente einsammeln. Doch schon die Fahrt dorthin zog sich merkwürdig in die Länge. Unser Camper hatte Mühe, sich den Berg hinaufzuhieven – zehn Prozent Steigung und mehr. Kein Pappenstiel für so ein dickes Ding.

    Dann, plötzlich – an einer besonders steilen Stelle – zeigte die Warnlampe: Kein Sprit. Null. Zero. Hiçbir şey. Nix.

    Kurzer Schock.

    Also drehten wir um – der Tank war noch zu einem Viertel voll –, um ganz sicher zu gehen, dass wir auch bei voller Steigung genug Diesel haben.

    Unterwegs fragten wir an einer kleinen Pension nach der nächsten Tankstelle. Doch noch während wir unsere Frage stellten, schweifte unser Blick zu den herrlich gedeckten Frühstückstischen unter kleinen Pavillons, mit Blick in ein weites, liebliches Tal. Im selben Moment bot uns der freundliche Herr an, uns mit seinem starken Jeep den Berg hinaufzuchauffieren – ganz schonend, sowohl für unseren Camper als auch für Süel, der immer fährt. Ha! Welch eine Offerte. Und wir hatten ja Zeit. Und Muße. Und Appetit. Ein köstliches Frühstück – oder? Ja!

    Frisch gestärkt konnte das Abenteuer beginnen. Nicht lang darauf hielt der Jeep unten am Gipfel, jetzt noch siebenhundert Meter zu Fuß. Steil aber: Machbar.

    Just in dem Moment, als der Berg sich direkt vor uns aufrichtete – ja, er erblickte uns, und wir ihn –, zog ein Unwetter auf. Links der Himmel schwarz, rechts noch blau. Der Tourguide meinte: „No Problem. 30 % Rain!“ Und ließ uns losziehen.

    Wir hätten umkehren können. Aber etwas in mir trieb mich, sagte: „Los jetzt. Mach. Heulen kannste hinterher.“

    Oben angekommen prasselte es auf uns ein: Hagel, fette Körner, eiskalt. Warum steigt man absichtlich auf einen Berg, obwohl wetterliches Unheil droht?

    War es Leichtsinn? Oder Gottvertrauen? Ich glaube, beides.

    Leben und Vernunft sind selten schön geordnet.

    Manchmal gehst du einfach weiter und dann trifft dich das Leben nass, laut und ungebeten. Musik machte nur noch der Hagel – auf dem eisernen Instrument. Süel hatte die Hülle der Lunalita zum Schutz gegen den Hagel auf dem Kopf: ein Bild für die Götter!

    Und dann standen wir da – allein – zwischen ihnen – den gefallenen Göttern. Wir hatten diesen Berg für uns.

    Eigentlich hatte König Antiochus diesen Berg für sich erwählt, um sich selbst ein Denkmal zu setzen – nah bei Himmeln und Göttern. Warum das alles? Was wollte er so hoch da oben? Und warum trägt der Berg heute den Namen Nemrut – nach jenem uralten König, der sich selbst auch für Gott hielt? Vielleicht verwechseln sich die Größen, wenn sie hoch genug stehen. Was war es? Größenwahn – oder einfach: Einsamkeit?

    Steinerne Riesen, ihre Köpfe am Boden, die Körper im Himmel. Zwischen Größe und Vergänglichkeit liegt nur die Zeit. Und was ist das schon – Zeit? Am Ende nur ein Momentum des Egos.

    Der Berg Nemrut: Mehr als zweitausend Meter Höhe. Mehr als zweitausend Jahre alt. Mehr als zweitausend Besucher am Tag.

    Aber in diesem Augenblick: Wir – allein!

    Alles war – nur für uns dort hingestellt. Magisch.

    Der Hagel polterte mahnend auf uns ein.

    Ich dachte: „Riesiges Ego, Antiochus. Und deins auch, Nimrod, Urfa-König, du hast dich ja auch für einen Gott gehalten“.

    Und ich? Hier oben – im Sturm, allein, erhaben, unbesiegbar. Größenwahnsinnig. Ich schämte mich ein bisschen.

    Dann sah ich ihn: einen winzig kleinen, schwarz-weißen Vogel – direkt zu Füßen des riesigen Adlers aus Stein. Eine Bachstelze. Sie tanzte mit dem Hagel, als wäre er ihr bester Freund. Voller Wonne nahm sie ein Bad in einem eiskalten Pfützchen. Während der Hagel auf uns niederprasselte, spielte sie vergnügt mit dem Sturm. Gerade so, als wäre die ganze, zweitausend Jahre alte Anlage nur für sie gemacht.

    Und da wusste ich: Das hier ist allein ihr Ort. Und ich darf Zeugin ihres Vergnügens sein. Herrlich!

    In diesem Moment riss der Himmel auf, und die Sonne schob sich breit und hell und mit voller Macht durch die Wolken.

    Ist das die ganze Lehre vom Berg? Die einen wollen unsterblich sein. Die anderen leben.


    Und noch dies: Ganz unten

    Eine Bachstelze ist kein stolzer Adler. Klein ist sie, flink und frech. Und sie hat etwas, was den Göttern dort oben fehlt: Bewegung. In vielen Kulturen steht sie für Beharrlichkeit und Leichtigkeit, für die Fähigkeit, sich anzupassen – an Sturm, Regen, Hagel. Sie ist das Gegenteil der gefallenen Götterköpfe. Oben auf dem Nemrut zerbröseln langsam, ganz langsam die Egos – die aus Stein ganz offensichtlich. Und auch die der Besucher*innen? Und mittendrin tanzt ein winziger Vogel durchs Nass. Er hat keine Botschaft, er tanzt – einfach, weil er’s kann.

    Und ich? Ich stehe da, kalt, nass bis aufs Höschen, bewegt – und ertappt. Ich wollte viel zu viel: Kontemplation, diesen Moment ganz für mich, diese Höhe, diese Geschichte, dieses Gefühl von „oben angekommen sein“. Ja, da waren definitiv Ego und Eitelkeit dabei.

    Das Geschenk des Reisens

    Hierin liegt für mich das wahre Geschenk des Reisens: Wir begegnen uns selbst. Ja, all dem Alten, das gehen darf, und dem Neuen, das sich zeigen will. Dafür brauchen wir Mut. Und gleichzeitig Demut.

    Leichtigkeit ist keine Vermeidung von Schwere. Sie ist die Kunst, lebendig zu bleiben – mitten im Sturm. Nicht drüberzustehen, sondern da zu sein. Nass, frierend, echt. Und dankbar, überhaupt zu spüren.

    Denn das ist es doch, was uns trägt: Nicht die Kontrolle, nicht das Wissen, nicht der Plan. Sondern dieser Moment, in dem du sagst: „Ich bin hier. Ich lebe. Und das reicht.“

    Fragen für dich

    • Wann hast du dich das letzte Mal in etwas wiedergefunden, das du an anderen leicht – oder mehr als mittelschwer – belächelst?
    • Wo zeigt sich dein eigener Schatten, wenn du glaubst, „drüber zu stehen“?
    • Wie erkennst du den Anfang von Veränderung?

    Reisen – ob im Außen oder Innen – bringt uns immer wieder an Schwellen. Manchmal stehen da gefallene Götter. Manchmal eine Bachstelze. Und manchmal wir selbst – mitten im Wandel. Wohin genau? Das zeigt sich unterwegs.

    FAQ – Was der Berg Nemrut mit Wandel zu tun hat

    Was ist der Nemrut Dağı?

    Der über 2.000 Meter hohe Berg in Südostanatolien ist berühmt für seine steinernen Götterfiguren aus der Zeit des Königs Antiochus I. von Kommagene.

    Was symbolisiert er im übertragenen Sinn?

    Er steht für Größenwahn, Vergänglichkeit und den Moment, in dem aus Kontrolle Demut wird.

    Was kann ich daraus lernen?

    Wandel gelingt nicht durch Perfektion, sondern durch die Fähigkeit, bewusst im Sturm zu bleiben: wach, menschlich und lebendig. Wenn du mehr wissen willst, lies gerne hier weiter: UNESCO – Nemrut Dağı

    Mehr solcher Geschichten über Mut, Wandel und das echte Leben findest du in meinem Blog / Inspiration Ich sammle Übergänge.


  • Schatten -Arbeit

    Schatten -Arbeit

    Schatten – oder wenn Licht auf den Stein trifft

    Ich bin gerade unterwegs in Südostanatolien. Licht und Schatten liegen hier ganz dicht beieinander. Es ist Ende Oktober und doch brennt die Sonne, glühen die Steine, der Regen lässt auf sich warten. Immer noch. Hinter jedem Tor, in jedem Innenhof wartet ein kühler, stiller Raum.

    Vielleicht hat mich genau das hergeführt: Stille. Hitze. Trubel. Gegensätze.
    Alles ist sichtbar, laut, heilig, voller Geschichten. Und ich fühle hier tiefer, mächtiger, wie viel in mir selbst gerade in Bewegung ist.
    Altes, das gehen will. Neues, das noch keinen Namen hat.

    Schattenarbeit ist also gerade keine Theorie für mich, sondern Alltag.
    Sie geschieht andauernd: wenn ich mich selbst ertappe. Sobald ich hinschaue. Wenn ich mich im Anderen sehe. Wenn ich merke, dass ich mir mal wieder selbst im Weg stehe. Oder endlich Platz mache.

    Darum dieser Text.
    Er soll Fundstück, Spiegel und Einladung zugleich sein. Für dich. Und auch für mich.

    Schattenarbeit klingt immer so, als müsse sie schwer sein. Voll Leid und Anstrengung. Dabei ist sie eigentlich nichts anderes als ehrliches Hinschauen. Auf das, was wir lieber verstecken würden: unsere Wut, unser Neid, unsere Angst, unser Bedürfnis nach Anerkennung. Oder diesen ewigen Versuch, alles im Griff zu behalten.

    Im Coaching bedeutet Schattenarbeit nicht, bis aufs Blut in alten Wunden zu wühlen. Wir wollen verstehen, was wir abspalten, wenn wir einfach nur funktionieren. Wenn wir wieder ganz werden – wie viel Kraft wird da frei! Wie viel Kreativität! Licht und Dunkel, klar und verletzlich, alles da.

    Meine Geschichte aus dem Kloster Mor Gabriel erzählt genau davon. Vom Licht, das den Stein wärmt. Vom Staub, der hustet. Vom Versuch, alles festzuhalten. Und vom Moment, in dem der eigene Schatten plötzlich Frieden schließt.


    Schatten

    Vorhin war ich im Kloster Mor Gabriel. In Südostanatolien.

    Über die Weite der Landschaft südöstlich von Midyat erhebt sich das Kloster mit seinen uralten Mauern. Es lebt.

    Uralte, goldrosafarbene Kalksteine flüstern still, unermüdlich tausendundeine Geschichte von der Sonne, die sie seit Jahrhunderten wärmt. Von Mönchen, Nonnen und Schülern, die dieselben Stufen hinauf und hinabsteigen, bis sie blank glänzen.

    Die Steine kennen die Bibliothek. Sie waren Zeugen jedes Schriftzugs, der hier je geschrieben wurde. Sie kennen jedes Wort, das von hier in die Welt ging. Können die Mosaiken jede Zeile der Liturgien mitsingen? Ja, sie können. Und sie halten in ihren Vertiefungen, wie die Mauerritzen, den Duft von Weihrauch und Myrrhe.

    Psalmen. Kerzen. Gebet. Arbeit. Unterricht. Bischofssitz. Pilgerstätte.

    Blitzblank. Vielleicht der sauberste Ort der Türkei. (Neben dem Haus meiner Schwiegermutter.)

    Morgens, um neun, öffnen sich für zweieinhalb Stunden die schmiedeeisernen Tore für jene, die Mor Gabriel im Tour-Paket gebucht haben. Sie strömen aus den Bussen. Der ganze Kosmos in Bewegung: Mütter, Väter, Kinder, rüstige Rentner, Spazierfreudige mit Plastikflasche, Lipgloss, Sonnenbrille, Kopftuch. Jede Hand hält ein Handy.

    Voran der Reiseführer mit seinem Wimpel am Stab, ausgefranst, von Jahren und Sonne gebleicht. Schon auf der Allee klicken sie hundertfach.

    Kaum öffnet sich die Tür, entweicht ein kurzes andächtiges Raunen, bevor sich Lippen und Münder, je nach Facon, gespitzt oder lasziv geöffnet in Kameras spreizen.

    Für die Steine ist das neu, relativ gesehen.

    „Selfies, Selfies“, raunen die Mauern. Sie kneifen die steinernen Lider zusammen bei jedem Blitz. „Selfies“, hustet der Staub. Die Treppe stöhnt.

    Das zwanzigste, dreißigste, sechzigste Foto – zählen Sie mit?

    Zwei junge Frauen, schön wie aus dem Katalog, warten, bis die Gruppe verschwunden ist. Lüften Jäckchen und Röckchen, zeigen Schulter, blankes Knie.

    Ein alter Mann mit Gehstock sieht zu. Verwundert. „Warum fotografiert ihr immer nur euch? In der alten Zeit gab es das nicht.“ „Tja“, sagen sie, „das nennt man Selbstliebe. Die gab’s früher wohl auch nicht.“

    Sie rollen die Augen. Drehen sich um. Gehen.

    Er bleibt. Schaut. Legt die Finger auf den Stein, als wollte er seine Wärme prüfen. Einst war er Schüler hier, schrieb aramäische Buchstaben von rechts nach links in makellosen Bögen. Manchmal, wo immer er ist, rezitiert er noch immer, leise, für sich, einen Psalm aus der Tiefe.

    Ich folge dem vorgeschriebenen Weg. Halte Abstand, Absperrbänder. Treu meiner Regel: weit weg von Gruppen, die meine Knöpfe drücken.

    Laut kreischende Kinder. Eltern, die vergessen, dass sie Eltern sind. Besserwissende Senioren. Vordrängler. Dauerfotografierende. Soll ich weiter aufzählen? Es reicht. Yeter.

    Also folge ich den Mustern der alten Zeit. Dem Licht.

    Besessen versuche ich, alles festzuhalten, zu fixieren, zu konservieren. Ich halte mit dem Handy überall drauf. Nur Selfies – das bleibt schwierig.

    Wie war das nochmal mit der Selbstliebe?

    Ich hebe den Blick. Über mir die helle Vormittagssonne.

    Da finde ich meinen Schatten, er findet mich.

    Wir sind still.


    Ein Schritt weiter

    Schattenarbeit ist nie eine einmalige Erkenntnis, sondern immer ein Prozess. Und auf jeden Fall ein Weg zurück zur inneren Klarheit. Wenn du selbst an einer Schwelle stehst, wo sich Altes als überholt erweist, wo sich eine Unschärfe zeigt, weil Neues noch nicht greifbar ist, begleite ich dich gern auf deinem Weg.

    Im Einzelcoaching schauen wir gemeinsam hin. Ohne Drama, aber mit Tiefe. Wir erforschen, was dein Schatten dir eigentlich zeigen will, und wie du daraus wieder gestärkt ins Licht treten kannst.

    Mehr dazu findest du hier:
    👉 Einzel im Wandel

  • 13 Tage frei

    13 Tage frei